BARYTON – die «Bring your own lunch»-Bar

Wer mal in der Zürcher Innenstadt um den Globus herum lief, dem fiel bestimmt schon die legendäre «Baryton»-Bar von Willy Boos auf, der an dieser Stelle in dritter Generation Gastronomie betreibt. Und wenn Du dich in Zürich nicht auskennst: Das ist die Bar, die einfach ein bisschen anders daher kommt, als man es jetzt im noblen Stadtkreis 1 an dieser Lage – neben Zürichs Edelmeile – vielleicht erwarten würde. Was ich damit meine? Ja halt nicht so ganz «normal» (d.h. »der Norm entsprechend») für die Gegend da. Mit einem herzlichen, sympathischen Boss in Holzfällerhemd und Tattoos bis auf die Finger, der alle genau gleich freundlich begrüsst: Die elegante Dame mit Einkaufstaschen wie auch tätowierte Freunde aus dem Kreis 5.

Wie, Ihr glaubt mir nicht? Dann probiert es mal aus! Lauft mal um den Globus in Zürich und schaut nach links und rechts und beobachtet, was Euch auffällt. Ihr werdet sehen, es gibt genau EINEN Ort, der in der Nähe von Bahnhofstrasse und Pestalozzi-Wiese so ne Art Kreis-5-Stimmung verbreitet. Eine kleine Stil-Exklave vom Partykreis im Bankenkreis so zu sagen. Ok? Also – wenn Ihr nun den besagten Rundgang abgeschlossen und das Lokal, das eben ein wenig nach Kreis 5 aussieht, gefunden habt, dann steht ihr vermutlich genau vor dem Eingang vom «Baryton». Ziel erreicht. Einmal einkehren bitte. Zu einem «Plättli» und einem Getränk.

Revolutionäres Food-Konzept

So auf den ersten Blick einfach eine minimalistische Cafe/Bar. Ein wenig «raw» für diese Ecke von Zürich, ohne unnötigen Glitter und Glamour und auf das Wesentlichste reduziert. Dafür mit einem ziemlich ungewöhnlichen Gastro-Konzept. Denn – eher einmalig für die Stadt Zürich und die Gegend dort sowieso – darf man im Baryton über Mittag am Tisch seinen selbst mitgebrachten (!) Lunch einnehmen. Egal, ob selbstgemacht oder selbst irgendwo gegenüber gekauft. BYOF ist das Motto. Also, «Bring your own food»! Das steht mit knalligen Buchstaben auf den Visitenkarten, welche man überall im Baryton vorfindet, und umschreibt dieses eher ungewöhnliche – eben, nicht ganz normale – Gastro-Konzept.  

 

«Auf einer coolen Berghütte darf man auch sein eigenes Sandwich verspeisen. Deshalb hab ich mir überlegt, dasselbe hier in der Stadt zu tun, in unserer Kreis-5-Hütte hinter der Bahnhofstrasse», so Willy Boos zu seiner Idee. Auf diese Weise können urban gepolte Menschen – wenn sie zu viel Bahnhofstrasse hatten – ganz entspannt, in Kreis-5-Ambiente, ihr Mittagessen einnehmen. «Egal, wo sie es her haben», erklärt Willy dem staunenden Zuhörer. Denn während man anderswo vermutlich gebeten würde, das Mitgebrachte wieder einzupacken, gehört es hier sogar zum Konzept.

Ja, und wer nicht kochen kann oder aus einem anderen Grund nichts Eigenes hat, kann natürlich auch gegenüber im Globus oder beim «Mac» etwas holen, oder dann etwas ganz offiziell bestellen. Zum Beispiel eines der herrlichen, selbstgemachten «Plättchen» mit hervorragenden, ausgesuchten Käse- und Fleischspezialitäten oder dann was vom benachbarten Sam’s Pizza Land, dessen Angebot – darunter die besten Flammkuchen der Stadt – im «Baryton» auch serviert wird. Wer hier also nichts Gutes zum Essen findet, der findet auch nirgendwo anders was.

Völlig offen und unkompliziert wie das Konzept sind auch Willy und seine beiden sympathischen Girls, die mit ihm den Laden schmeissen. Kommt man rein und Willy ist gerade am Telefon am Getränkebestellen oder mit Lieferanten Termineausmachen, wird man entsprechend umgehend von Andrea und Natalie begrüsst. Sie sind ein eingespieltes Team – das merkt man auf den ersten Blick – und es herrscht sofort gute Stimmung. Je nach dem kann man dann entweder im vorderen, normal gestuhlten Teil Platz nehmen, oder dann hinten. In der «Erwin Huber Lounge». Eine Lounge, die im November 2015 innert drei Tagen mit Möbeln aus Paletten entstanden ist. Auf Anregung von Erwin Huber, dessen Getränkedienst schon damals Willy mit Getränken belieferte. 

Wie kam es dazu? Eines Tages wollte ein Mitmieter in der Liegenschaft von Willys Bar nicht mehr weiter machen und Willy hatte plötzlich das Problem ein halbes, leeres Lokal zu haben. Also sollte es schnell gehen und möglichst nicht ein Vermögen kosten, um das halbe Lokal zu einem Ganzen zu machen. Der zu Rate gezogene Erwin Huber meinte damals: «Mach doch Möbel aus Paletten. Das geht schnell und kostet wenig.» Gesagt, getan. Zwei Wochen später konnte die neu geschaffene Lounge eröffnet werden. Heute prangt Erwins’ Porträt mit einer Ehrentafel am Dachbalken bei der Lounge und erinnert an den allseits beliebten Geschäftspartner, Kollegen, Freund und Ideengeber.

 

«Erwin Huber war ein Mensch, den ich jeden Tag vermisse», sagt Willy Boos nachdenklich und schwelgt in Erinnerungen. «Er war immer da. Mit Rat und Tat. Seine spontanen Anrufe waren legendär. Das kann man nicht ersetzen». Wie wichtig gute Partnerschaften sind, die auf Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung basieren, das weiss Willy Boos genau. Das Baryton ist schon lange im Besitz seiner Familie und er betreibt die Bar – mit Unterbrüchen, unter verschiedenen Namen und anfänglich sogar noch mit seinem Vater – mittlerweile schon seit 36 Jahren. «Noch immer mit viel Engagement und Kreativität, aber nicht mehr täglich, wie damals, als ich anfing», sagt Boos mit leuchtenden Augen.